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Freie Berufe- Das Finanzamt entscheidet über Einkünfte aus freiberuflicher Tätigkeit

veröffentlicht am 24. November 2015 von Manuela Glöckner in Gründung, Recht und Steuern, Tipps und Tricks

Viele typische Freiberufler wie Rechtsanwälte oder Architekten haben keinen Zweifel daran, dass sie Freiberufler sind. Für eine ganze Reihe von Tätigkeiten trifft diese Zuordnung das Finanzamt. Je nachdem, wie diese Zuordnung ausfällt, wird man als Freiberufler oder Gewerbetreibender geführt und behandelt. Dabei ist diese Entscheidung auch für die Finanzverwaltung keinesfalls einfach: Denn viele berufliche Tätigkeiten weisen sowohl Merkmale der freien als auch der gewerblichen Berufe auf. Ganz allgemein gilt: Steht die geistige schöpferische Arbeit im Vordergrund, geht die Finanzverwaltung meist von einer freiberuflichen Tätigkeit aus.

Finanzamt entscheidet zuerst - aber ist das das Ende vom Lied?
Eine erste Einstufung als Freiberufler bedeutet aber nicht, dass damit eine endgültige Entscheidung gefallen wäre. Die kommt in vielen Fällen erst viel später: bei einer Betriebsprüfung.
Achtung: Es kann sehr teuer werden, wenn man Euch nachträglich als Gewerbetreibenden einstuft und Ihr dann Gewerbesteuer nachzahlen müsst. Also lasst Euch schon zum Start beraten, ob Ihr als Freiberufler anerkannt werdet oder nicht. Und legt - wenn es unklar ist - vorsichtshalber Geld für eine Steuernachzahlung zurück.

Einkommensteuergesetz
Finanzamt und auch Betriebsprüfer stützen sich bei ihren Entscheidungen vor allem auf das Einkommensteuergesetz. Es unterscheidet in § 18 Absatz 1 ganz konkrete freiberufliche Tätigkeitsgruppen und legt damit fest, wer zu den freien Berufen zählt. Es unterscheidet zwischen den so genannten Katalogberufen, den Tätigkeitsberufen und den ähnlichen Berufen, die den Katalogberufen ähnlich sind.

Katalogberufe
Die Katalogberufe sind sozusagen die klassischen freien Berufe, die als erste im Einkommensteuergesetz aufgelistet wurden. Zu den Katalogberufen gehören
  • die Heilberufe: also Ärzte, Zahnärzte, Tierärzte, Heilpraktiker, Dentisten, Physiotherapeuten
  • die rechts-, steuer- und wirtschaftsberatenden Berufe: Dazu zählen Rechtsanwälte, Patentanwälte, Notare, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Steuerbevollmächtigte, beratende Volks- und Betriebswirte oder vereidigte Buchprüfer
  • die naturwissenschaftlichen und technischen Berufe: Das sind Vermessungsingenieure, Ingenieure, Handelschemiker, Architekten, Lotsen
  • die informationsvermittelnden und sprachlichen Berufe: Journalisten, Bildberichterstatter, Dolmetscher oder Übersetzer
  • zusätzlich die im Partnerschaftsgesellschaftsgesetz (PartGG) genannten vier selbständig ausgeübten Berufsbilder Diplom-Psychologe, Heilmasseur, Hebamme, Hauptberuflicher Sachverständiger.

Ähnliche Berufe und Tätigkeitsberufe
Dass es diese zusätzlichen Gruppen der freien Berufe gibt, liegt daran, dass die Zeit nicht stillsteht und fortwährend neue Berufsbilder entstehen.


Ähnliche Berufe: Sie heißen so, weil sie den Katalogberufen ähnlich sind. Damit ist gemeint: Die Ausbildung oder auch die konkrete berufliche Tätigkeit müssen mit einem Katalogberuf vergleichbar sein. Das ist z. B. bei einem gelernten Elektrotechniker so, der sich fortgebildet hat und Arbeiten verrichtet, die normalerweise ein Ingenieur ausführt. Oder bei einer Sozialpädagogin, die nach Fortbildungen in der Familientherapie tätig ist. Das dürfen sonst nur diplomierte Psychologen.

Tätigkeitsberufe: Sie zeigen im Arbeitsalltag die typischen Merkmale einer freiberuflichen Tätigkeit. Zu den Tätigkeitsberufen zählen wissenschaftliche, künstlerische, schriftstellerische, unterrichtende und erzieherische Tätigkeiten. Immer vorausgesetzt, sie werden selbstständig ausgeübt. Zu den wissenschaftlichen Tätigkeiten wird gerechnet, wenn man z. B. methodisch nach streng objektiven und sachlichen Gesichtspunkten forscht, Gutachten erstellt oder eine Prüfungs- und Lehrtätigkeit ausübt.
  • Bei künstlerischen Tätigkeiten wird diejenige als freiberuflich anerkannt, die eine eigene schöpferische Leistung erkennen lässt und die eine bestimmte künstlerische Gestaltungsqualität aufweist.
  • Unter einer schriftstellerischen Tätigkeit versteht man, eigene Texte für die Öffentlichkeit zu verfassen. Schriftsteller ist danach auch derjenige, der Werbetexte schreibt, Literatur übersetzt oder einen juristischen Informationsdienst heraus gibt.
  • Unterrichtende Tätigkeiten umfassen die Unterrichtserteilung unterschiedlichster Art. Eine amtliche Qualifikation ist dafür nicht nötig. Entscheidend ist, dass der Unterrichtende die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten besitzt. Zu den unterrichtenden Tätigkeiten zählen daher auch Sport und Gymnastikunterricht, Reitunterricht, Tanzunterricht.
  • Bei erzieherischen Tätigkeiten geht es im weitesten Sinne um die körperliche, geistige und charakterliche Formung von jungen Menschen: Beispiele dafür sind die Kindertagespflege, in eigener Regie geführte Kitas oder spezielle pädagogische Angebote wie ein "Naturpädagogisches Zentrum".

Gemischte Tätigkeiten
Knifflig wird es, wenn ein Selbstständiger bei seiner Arbeit sowohl freiberufliche als auch gewerbliche Anteile hat. Bei den trennbar gemischten Tätigkeiten gibt es zwar einen Zusammenhang zwischen der freiberuflichen und der gewerblichen Tätigkeit.

Jedoch sind beide nicht so eng miteinander verflochten, dass die eine ohne die andere nicht mehr funktionieren würde. Beispielsweise bei einem Architekten, der zusätzlich noch als Immobilienmakler Geld verdient. Oder einem Augenarzt, der zusätzlich zu seiner ärztlichen Tätigkeit Kontaktlinsen verkauft.
In diesem Fall behandelt das Finanzamt beide Tätigkeiten getrennt voneinander. Dafür verlangt es nicht selten eine getrennte Buchführung und eine Trennung der Steuererklärung für den freiberuflichen sowie für den gewerblichen Teil der beruflichen Aktivitäten.

Selbstständig oder nicht?
Man kann zwar als selbstständiger Freiberufler beim Finanzamt geführt, aus Sicht des Rentenversicherungsträgers allerdings nicht als "echter" Selbstständiger gesehen werden. Das hat Folgen für die Beiträge zur Sozialversicherung. Wer kommt dafür auf? Als selbstständig wird eingestuft, wer
  • das unternehmerische Risiko für seine Tätigkeit trägt - z. B. - eigene Entscheidungsbefugnis hat,
  • frei über seine eigene Arbeitskraft verfügen kann,
  • seine Arbeit im Wesentlichen frei gestalten kann,
  • seine Arbeitszeit selbst einteilen kann,
  • eigenständig entscheidet z. B. über - Verkaufspreise, die Einstellung von Personal usw.
Freiberufler erfüllen nicht automatisch alle diese Anforderungen. Das gilt speziell für diejenigen, die als freie Mitarbeiter zur Absicherung eines Auftrages oder zur Projektbetreuung für ihre Auftraggeber und oftmals auch nur für einen Auftraggeber arbeiten. Das kommt sogar sehr häufig vor, gerade beim Start in die Selbstständigkeit. Unter diesen Umständen ist es möglich, dass sie keine "echten" Selbstständigen sind, sondern "Scheinselbstständige".

Als "scheinselbstständig" gilt,
  • wer auf Dauer nur für einen Auftraggeber tätig ist,
  • mindestens fünf Sechstel seiner gesamten Umsätze aus der Tätigkeit für nur einen Auftraggeber bezieht,
  • kein unternehmerisches Risiko trägt (z. B. selbst nicht für Fehlentscheidungen eintreten muss),
  • nicht selbst unternehmerisch nach außen auftritt (keine eigene Werbung, kein eigener Firmenauftritt),
  • weisungsgebunden ist (man arbeitet auf Anordnung des Auftraggebers),
  • einen festen Arbeitsplatz in den Büroräumen des Auftraggebers hat,
  • feste Arbeitszeiten hat,
  • ein festes Monats- oder Wochenentgelt bezieht,
  • Anspruch auf bezahlten Urlaub hat.

Clearingstelle:
Ob es sich um eine "Scheinselbstständigkeit" handelt, ist nicht so leicht festzustellen und kann nur im konkreten Einzelfall entschieden werden. Dabei ist es übrigens ziemlich egal, was in Eurem Vertrag mit einem oder mehreren Auftraggebern steht. Entscheidend ist die Art und Weise, wie dieser Vertrag gelebt wird. Wer seine Lage im Zweifelsfalle klären will, sollte das möglichst innerhalb eines Monats nach Aufnahme seiner Tätigkeit tun. Anlaufstelle für das so genannte Statusfeststellungsverfahren ist die Clearingstelle Deutsche Rentenversicherung Bund | www.deutsche-rentenversicherung.de

Fazit: Fragt vor Aufnahme der selbstständigen Tätigkeit beim Finanzamt und beim Gewerbeamt nach der Zuordnung der jeweiligen Dienstleistungen nach, damit es nicht im Nachhinein zu bösen finanziellen Überraschungen kommt. Eventuell empfiehlt sich von Beginn an eine Trennung zwischen Gewerbe und Freiberuflichkeit durch die Führung von zwei voneinander unabhängigen Unternehmen.

Bedenkt bitte auch eine eventuell spätere Erweiterung Eurer Dienstleistungen!

Quelle: BMWi-GründerZeiten Nr. 17: Existenzgründungen durch freie Berufe